Deutschland, Deutschland über alles- Wir gehören zu Deutschland !




Wir gehören zu Deutschland, dazu brauchen wir euch nicht

Im Jahre 1929 veröffentlichte der Journalist und Schriftsteller Kurt

Tucholsky sein Buch “Deutschland, Deutschland über alles”. Der

folgende Text ist ein Auszug aus diesem Buch und formuliert nach

meinem Dafürhalten einen sehr schönen Heimatbegriff, den gewiss

auch einige Muslime in Deutschland unterschreiben würden. Er rettet

sozusagen die Gefühlswelt von Zuneigung und Liebe für die Heimat

vor dem einnehmenden Zugriff nationalistischer und kollektivistischer

Populisten.

Ich widme den Text allen Muslimen in Deutschland, die sich als

deutsche Muslime empfinden und hoffe, dass er auch ihnen (wie mir)

aus der Seele spricht.

    “Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid

und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und

nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja -: zu der Landschaft und zu

dem Land Deutschland.

    Dem Land, in dem wir geboren oder aufgewachsen sind und dessen

Sprache wir sprechen.

    Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum

grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern -? Es gibt so

schöne.

    Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in

einer andern Sprache – wir sagen ›Sie‹ zum Boden; wir bewundern

ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das.

    Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie

zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen

Gegenden Gemeinsames – und für jeden von uns ist es anders. Dem

einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die

kleinen Straßen sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser

und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da

einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. Das ist in

schlechten Büchern, in noch dümmeren Versen und in Filmen schon so

verfälscht, dass man sich beinah schämt, zu sagen: man liebe seine

Heimat. Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen

hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt … nein, wer

gar nichts andres spürt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land

ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens

besitzt … es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem

Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so

durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten

Lichtwirkung wegen – aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen

kann, die uns nicht einmal bewußt sind und die doch tief im Blut

sitzen.

    Wir lieben es, trotz der schrecklichen Fehler in der verlogenen und

anachronistischen Architektur, um die man einen weiten Bogen

schlagen muß; wir versuchen, an solchen Monstrositäten

vorbeizusehen; wir lieben das Land, obgleich in den Wäldern und auf

den öffentlichen Plätzen manch Konditortortenbild eines Ferschten

dräut – laß ihn dräuen, denken wir und wandern fort über die Wege

der Heide, die schön ist, trotz alledem.

    Manchmal ist diese Schönheit aristokratisch und nicht minder

deutsch; ich vergesse nicht, dass um so ein Schloß hundert Bauern im

Notstand gelebt haben, damit dieses hier gebaut werden konnte – aber

es ist dennoch, dennoch schön. Dies soll hier kein Album werden, das

man auf den Geburtstagstisch legt; es gibt so viele. Auch sind sie stets

unvollständig – es gibt immer noch einen Fleck Deutschland, immer

noch eine Ecke, noch eine Landschaft, die der Fotograf nicht

mitgenommen hat … außerdem hat jeder sein Privat-Deutschland.

Meines liegt im Norden. Es fängt in Mitteldeutschland an, wo die

Luft so klar über den Dächern steht, und je weiter nordwärts man

kommt, desto lauter schlägt das Herz, bis man die See wittert. Die

See – Wie schon Kilometer vorher jeder Pfahl, jedes Strohdach

plötzlich eine tiefere Bedeutung haben … wir stehen nur hier, sagen

sie, weil gleich hinter uns das Meer liegt – für das Meer sind wir da.

Windumweht steht der Busch, feiner Sand knirscht dir zwischen den

Zähnen …

    Die See. Unvergeßlich die Kindheitseindrücke; unverwischbar jede

Stunde, die du dort verbracht hast – und jedes Jahr wieder die Freude

und das »Guten Tag!« und wenn das Mittelländische Meer noch so

blau ist … die deutsche See. Und der Buchenwald; und das Moos, auf

dem es sich weich geht, dass der Schritt nicht zu hören ist; und der

kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die Mücken tanzen – man

kann die Bäume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust,

verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel

›Deutschland, Deutschland über alles‹ bekommen, jenen törichten

Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über

allem und ist nicht über allem – niemals. Aber mit allen soll es sein,

unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch

münden soll:

    Ja, wir lieben dieses Land.

    Und nun will ich euch mal etwas sagen:

    Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts

sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für

sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock,

noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms

allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

    Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands …

!« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht

wahr.

    Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen

international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von

jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist.

Unser ist es.

    Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten

– nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes

Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf

verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen.

Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie

die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen

Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier

geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als

die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht

nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung

und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu

hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn

man von Deutschland spricht, uns: Muslime, ob Salafisten oder Sufis,

Eingottgläubige allesamt; man hat uns mitzudenken, wenn

›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe

Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

    Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

    Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne,

ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert –

die stille Liebe zu unserer Heimat.”

[Hevorhebungen durch Unterstrich sind von mir und kleine textliche

Veränderungen wurde durch Fettschrift kenntlich gemacht]

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